Interview mit Hannes Papenberg zu Joomla! 4

Interview mit Hannes Papenberg zu Joomla! 4

Ich hatte diese Woche die Gelegenheit, mit Hannes Papenberg ein paar Fragen zum Joomla! Projekt und zu Joomla! 4 zu stellen.

Erfahre hier, was Hannes im Joomla! Projekt alles macht, was er über die aktuelle Joomla! 4-Entwicklung sagt und wie er über die Zukunft von Joomla! denkt.

Hannes Papenberg ist 35 Jahre alt, wohnt in Münster bei Dortmund, hat zwei Kinder und verdient seine Brötchen als selbstständiger Webentwickler mit Spezialisierung auf Joomla.

  J!Info: Hannes, du bist ein Joomla! Urgestein (darf man so sagen?) Wie hast du Joomla oder Joomla dich gefunden?

Im Sommer 2004 war in der ct ein Artikel zu Mambo und wie toll das doch wäre und da ich bis dahin ein ganz grosser Experte war im «halbfertige, handgeschriebene HTML-Seiten auf schlechte Webhoster hochladen», dachte ich mir, ich schau mir das einmal an.

Dann habe ich mich ein wenig im Mambo-Forum rumgetrieben und eigentlich wäre ich fast schon wieder weg gewesen. Aber dann gab es eben die Gründung von Joomla. Das hat ein wenig den kleinen Rebellen in mir angesprochen. Joomla wirkte damals wie der Underdog und das wollte ich unterstützen.

  J!Info: War es Liebe auf den ersten Blick? Was hat dir den Ärmel reingezogen?

Naja, als dann Joomla gegründet wurde, habe ich nach einem Bereich geschaut, an dem ich arbeiten könnte. Intelligenterweise habe ich mir direkt einen hoffnungslosen Fall wie die Berechtigungen ausgesucht. Die waren damals noch nicht konfigurierbar, sondern fest eincodiert.

Allerdings wurde dieses Engagement sehr positiv aufgenommen. Die Leute damals haben mich darin bestärkt, mich hier auszuprobieren. Ich würde fast sagen, dass es damals ja so einfach war, etwas beizutragen zu Joomla. Doch wenn ich so zurückblicke, dann war die Eintrittshürde so unglaublich viel höher.

Wir sind da schon einen weiten Weg gegangen. Github gibt es ja erst seit 2008 und git selber war ja auch sehr neu. Bis wir das im Projekt hatten.
Ich merk schon, Opa erzählt vom Krieg…

  J!Info: Du arbeitest schon sehr viele Jahre und entsprechend viele Stunden fürs Projekt. Woher nimmst du die Motivation, trotz aller Herausforderungen in so einem Projekt voll dran zu bleiben?

Erst einmal bin ich ja nicht kontinuierlich dabei gewesen. Ich habe Phasen gehabt, in denen ich unglaublich viel gemacht habe. Dann gab es auch manche Jahre, in denen ich nichts zum Projekt beigetragen habe. Momentan versuche ich einen gesunden Mittelweg zu finden.

Meine Motivation speist sich vielfältig. Natürlich gibt es Dinge, die ich einfach aus «Zwang» im Interesse meiner Kunden mache. Es gibt aber auch Dinge, die mich einfach triggern, wo es mich in den Fingern juckt, das jetzt richtig zu machen.

Joomla ist da ein dankbares, geradezu gefährliches Projekt. Denn man kann sehr schnell Feedback erhalten und Erfolgserlebnisse haben.

Bei anderen, kleineren Projekten kann es mitunter Wochen dauern, bis jemand auf einen PR oder ein Issue reagiert. Bei Joomla hat man meistens schon in wenigen Minuten eine erste Reaktion. Das kommt meinem Endorphin-Haushalt ziemlich entgegen…

Zu guter Letzt hat sich mit der Zeit aber auch ein Verantwortungsgefühl eingeschlichen. «Wenn ich es nicht mache, dann macht’s keiner. So reiss dich zusammen und setz dich dran.»
So ist meine Mitarbeit am Backendtemplate entstanden.

  J!Info: Als öffentlich bekannte Person, werden deine Aussagen (auch die von anderen bekannten Grössen) in den sozialen Netzwerken besonders viel Beachtung geschenkt.
Stresst dich das? Oder siehst du das als Chance «Influenzer» fürs Projekt zu sein?

Ich sehe mich eigentlich nicht als Influenzer. Ich glaube auch nicht, dass ich ein besonders gutes Werbegesicht für das Projekt wäre. Dafür bin ich viel zu diskussionsfreudig. Manche würden es vielleicht sogar streitlustig nennen.
Ausserhalb der Joomla-Kanäle mache ich eher weniger Joomla Content.

  J!Info: Welche Rolle hast du beim J! 4.0 Release?

Ich habe bei Joomla 4.0 keine offizielle Rolle und will das auch erst einmal gar nicht. Ich habe vor einigen Wochen die Leitung des Automated Testing Teams (ATT) übernommen. Doch das würde ich nicht exklusiv auf Joomla 4 bezogen sehen.

Ich habe jedoch eine Todo-Liste für Joomla 4, die ich abarbeite bzw. abgearbeitet habe. Das heisst, dass ich effektiv im letzten Jahr eine Liste an Sachen hatte, die ich in Joomla 4 geändert sehen wollte und darauf dann hingearbeitet habe. So habe ich mich um das Routing, die Suchfunktion, Mail Templates und eine ganze Reihe an Core-Klassen gekümmert.

Dabei muss ich aber für meine Anpassungen und Vorstellungen genauso werben wie alle anderen auch. Nicht alles von mir wird übernommen. So habe ich sehr viele Stunden in einen Rewrite des Tagging-Systems und der Content-Versionierung gesteckt mit dem Ziel, dass wir das UCM-Konzept aus Joomla 4.0 entfernen.

Das wurde dann jedoch abgelehnt. Das schmerzt zwar (auch wegen der vielen Zeit, die da rein geflossen ist), hat aber nachvollziehbare Gründe. Und das muss ich so akzeptieren.

Als Leiter des Automated Testing Team konzentriere ich mich gerade darauf, dass wir möglichst viel Code und Funktionen über automatisierte Tests überprüfen. Das bedeutet erst einmal, dass jemand den Code im aktuellen Zustand noch einmal kontrolliert. Das ist nicht so gängig, wie manche glauben. Des Weiteren stellt es sicher, dass der Code auch funktioniert.

Hier haben wir bereits einige schon recht kuriose Bugs entdeckt und nun für Joomla 4 behoben. Und zu guter Letzt stellt es sicher, dass niemand aus Versehen mit späteren Änderungen bestehenden Code kaputt macht. Wir sind da leider aus verschiedenen Gründen noch relativ am Anfang,. Allerdings haben wir unser Setup gegenüber Joomla 3 schon massiv verbessert. Neu lassen wir nicht nur MySQL sondern auch sofort PostgreSQL mittesten und proaktiv werden auch zukünftige PHP und MySQL Versionen jedes Mal mitlaufen.

Auch hier haben wir bereits Fehler beheben können und ich habe grundsätzlich ein gutes Gefühl für die Kompatibilität von Joomla 4.


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  J!Info: Was sind die Highlights im kommenden Major-Release?

Den Leuten wird auf jeden Fall das neue Backend-Template auffallen. Mit der geänderten Navigation von oben nach links und mit den vielen kleinen und grossen Verbesserungen wird es einen grossen Effekt auf die Wahrnehmung der Nutzer haben. Ich hoffe auch, dass wir auf dieser Basis das ganze in weiteren Versionen von Joomla 4 weiterentwickeln können.

Wichtige Features für Templateentwickler sind für mich, dass wir Bootstrap 4 zwar mitliefern, der Core aber dieses nicht mehr voraussetzt. Man kann also auch ein ganz anderes Framework nehmen oder auch gar keins und trotzdem funktioniert alles so, wie es soll. Für jQuery gilt hier dasselbe.

Der neue Media Manager erlaubt endlich auch, Bilder in Joomla zu bearbeiten und mit Workflows lassen sich gerade auch für grössere Unternehmen die Abläufe für Inhaltsänderungen definieren. So kann zum Beispiel erzwungen werden, dass neue Beiträge immer erst noch vom Lektor und Chefredakteur freigegeben werden müssen, bevor sie veröffentlicht werden können.

Mit der Überarbeitung von Smart Search und der Entfernung der klassischen Suchkomponente hat Joomla nun eine klare und moderne Aufstellung im Bereich der Seiten-internen Suche und mit den Mail Templates kann man nun endlich in Joomla auch ohne Erweiterung anspruchsvolle Mails erstellen.

Ehrlich gesagt fällt es mir etwas schwer, hier einen Punkt zu machen, denn da sind noch so unglaublich viele weitere neue Features und Verbesserungen, dass ich hier noch Seitenweise weiteres aufzählen könnte. Aber vielleicht ist deren Erforschung besser eine Hausaufgabe für den geneigten Leser.

  J!Info: Wo siehst du Stolpersteine und wie können sie angegangen werden?

Joomla 4 ist nicht zu 100% rückwärtskompatibel und viele werden ihre Templates und Erweiterungen überarbeiten müssen. Auch das neue Backend Template wird nicht nur auf Jubelrufe stossen.

Ein Update von Joomla 3 auf Joomla 4 ist keine Angelegenheit von einem Klick und sollte geplant und getestet werden. Nehmt euch die Zeit dafür.

Niemand zwingt einen Seitenbetreiber innerhalb von 24 Stunden nach Release von 4.0 alle seine Seiten auf diese Version umzuziehen. Das Joomla Projekt wird Joomla 3.x noch zwei weitere Jahre mit Bugfixes und Sicherheitsupdates nach dem Release von 4.0 unterstützen.

Man wird keinen Doktortitel und 2000 Raketenwissenschaftler brauchen, um das Update durchzuführen. Aber es ist eben auch nicht einfach nur ein normales Patch-Update wie sonst auch.

  J!Info: Ich frage jetzt nicht, wann Joomla 4 fertig wird. Aber kann man schon was zur Veröffentlichung der ersten Beta sagen?

Ich glaube fest daran, dass wir eine Joomla 4.0 Beta noch dieses Jahr sehen werden. Damit meine ich nicht ein hastiges Release am 31.12. um 23:59 Uhr.

Der Beta-Release heisst ja erst einmal, dass wir keine weiteren neuen Features hinzufügen werden und dass wir uns voll und ganz auf das Beheben von Fehlern konzentrieren werden. Es heisst auch, dass sich an der API nicht mehr viel ändern wird. Gleichzeitig ist das dann auch der Startschuss für Drittentwickler, ihre Erweiterungen auf Joomla 4.0 anzupassen.

Ob wir eine Stable noch in diesem Jahr sehen hängt auch von der Community ab. Wenn diese sich mehr einbringt und beim Bugfixing hilft, dann können wir auch schneller veröffentlichen.

  J!Info: Wenn ich kein Englisch verstehe, kein Coder bin, kann ich trotzdem etwas zum J! 4 Projekt beitragen? Falls ja, wie muss ich vorgehen oder bei wem kann ich mich melden?

Man muss kein Programmierer sein, denn wie gesagt müssen Fehler ja auch erst einmal bekannt sein und das schafft man nur, wenn möglichst viele Leute möglichst unterschiedlich das System testen.

Dazu würde ich gerne auf den Pizza, Bugs and Fun Event am 19.10.2019 verweisen. Macht mit, helft Bugs zu finden und zu beheben. Damit sind wir dem Release schon ein gutes Stück näher.

  J!Info: Wenn du für den J! 4 Release einen Wunsch offen hättest, welcher wäre das und weshalb?

Ich bin grundsätzlich mit Joomla 4 sehr zufrieden und glaube, dass es ein wichtiges Release sein wird, von der Bedeutung her ähnlich Joomla 1.0, 1.5 und 1.6.

Mein Wunsch wäre, dass wir wirklich alle alten Baustellen hätten abarbeiten und überarbeiten können. So Sachen wie das Tagging und die Versionierung. Das würde jedoch sehr starke Änderungen in vielen Erweiterungen (gerade auch von Drittanbietern) für einen relativ kleinen Gewinn bedeuten und deswegen sprengt das leider etwas den Rahmen.

  J!Info: Denkst du heute schon an Joomla! 5? Oder was nach 4 kommen muss/soll?

Joomla 5.0 ist noch nicht bei mir auf dem Schirm, aber für Joomla 4.x habe ich schon eine ganze Reihe an Ideen, was ich gerne verbessern würde.

Ich glaube, wir sollten uns noch einmal intensiv Gedanken über das Interface des Backends machen. Wir haben seit Joomla 1.6 das Konzept des Papierkorbs, was aber absolut nicht intuitiv bedienbar ist.

Ausserdem haben wir verdammt viele Projekte aus den Google Summer of Codes, welche bisher ihren Weg nicht in den Core gefunden haben:
Ein Pagebuilder, ein Tutorial-System, responsive Bilder, Management über die Kommandozeile und vieles mehr.

  J!Info: Möchtest du zum Schluss dem Joomla!Info Leser etwas mit auf den Weg geben?

Joomla macht Spass und Joomla lebt von seiner Community. Wir haben keine Firma, die alle Entscheidungen fällt und einfach mal Entwickler bezahlt. Deswegen kommt es auch auf eure Mitarbeit an. Egal ob als Entwickler, Tester oder Supporter in Foren.

Ich hoffe, dass ich den einen oder anderen von euch demnächst als neues Mitglied in der Community begrüssen kann.

  J!Info: Danke Hannes, dass du dich für uns Zeit genommen hast. Wir wünschen dir und deinen Projekten alles Gute und weiterhin viel Erfolg für den Joomla! 4 Release!

Das Interview wurde am Dienstag, 20. August 2019 geführt.