Interview mit Hagen Graf über Joomla!’s Zukunft

Hagen Graf

Ich hatte diese Woche die Gelegenheit, Hagen Graf ein paar Fragen zum Joomla! «Forum for the Future» und zu Joomla! 4 zu stellen. Erfahre hier, was Hagen von der Konferenz denkt und was er über die Zukunft von Joomla! sagt.

Ich hatte Hagen schon vor zwölf Jahren einmal interviewt. Hier gehts zum Interview von damals.

Jinfo: Hagen, du bist kein unbekannter, aber stelle dich trotzdem bitte kurz vor. Wer bist du?

1964 geboren, also 55 Jahre, gelernter Orient-Teppich-Verkäufer, verheiratet, vier Töchter, ich renoviere gern alte Häuser und schlecht strukturierte Websites.

Jinfo: Du bist ein Joomla! Urgestein (darf man so sagen?). Wie hast du Joomla oder Joomla dich gefunden?

Ich hatte im Jahr 2003 Mambo benutzt und beschlossen ein Buch darüber zu schreiben. Das Buch war sehr erfolgreich und dann kam der Fork. Also brauchten wir ein Buch über Joomla, dann Videotrainings, dann Übersetzungen in mehr als ein Dutzend Sprachen.

Jinfo: Du bist verantwortlich, dass viele im deutschen Raum, dank deiner Bücher, Kurse etc. zu Joomla! gefunden haben und dabei «hängen» geblieben sind. Ist das etwas, was du dir damals hast vorstellen können? Macht das auch ein bisschen stolz?

Na mir waren die Folgen meines Tuns anfangs nicht so klar. Ich wollte und will auch heute die Leute dort abholen, wo sie sind und es ihnen ermöglichen, Dinge selbst zu tun. Stolz ist das falsche Wort. Ich freue mich, wenn ich Menschen treffe, die mir sagen, dass sie eins meiner Bücher gelesen haben und dadurch zu Joomla gekommen sind. Ich habe auch immer versucht PDFs meiner Bücher kostenlos anzubieten.

Jinfo: Du hast ja Einblick in verschiedene CMS und verwendest selber auch Drupal und WordPress. Was zeichnet, deiner Meinung nach, Joomla! aus?

Es steht keine grosse Firma im Hintergrund, die die Entwicklung indirekt steuert. Das macht Joomla schon ziemlich einmalig. Es existiert seit 15 Jahren und momentan benutzen 2,6% aller Websites Joomla. Bei 1.3 Milliarden Sites weltweit sprechen wir da von immerhin 33.8 Millionen Websites, die eben gerade Joomla nutzen. Ohne Business Plan, ohne fettes Marketing Budget, ohne die x-te Venture Capital Series. Das ist einzigartig!

Jinfo: Was müsste dir das Joomla! CMS bieten, damit du deine Sites (cocoate und fimdi) damit bauen würdest

fimidi.com ist eine Mastodon Instanz, die sicher nicht mit Joomla erstellt werden kann.
cocoate.com ist eine alte Drupal Installation, die mittlerweile 15 Jahre nur aktualisiert wurde. cocoate.com will ich tatsächlich demnächst auf Joomla umstellen. Mein Blog hagen.cocoate.com läuft unter WordPress. Das wird auch erstmal so bleiben.

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Joomla! Forum für die Zukunft

Jinfo: Lange wurde es still um dich und Joomla!. Und plötzlich warst du an der Konferenz in Malaga (#FFTF2020) anzutreffen. Wie kam es dazu?

Ich wurde eingeladen und dachte: Naja, vielleicht kannst du ja etwas Gutes für das Projekt tun. Ich mag das Joomla Projekt nach wie vor.

Jinfo: Was für Erkenntnisse nimmst du aus diesen drei Tagen mit?

Für viele Leute ist Joomla heute ein Business. Sie wollen damit Geld verdienen und geben manchmal (eher selten) etwas an das Projekt zurück.
Innerhalb des Projekts gibt es sehr viele Leute, die im Joomla Projekt Verwaltungsaufgaben haben, Teams leiten, sich Prozesse ausdenken, usw. Es gibt aber auch nach wie vor Menschen, denen das einfach nur Spass macht, die eine Website für einen Verein, sich selbst und Bekannte bauen.
Ich akzeptiere natürlich die Business-Orientierung, finde es aber schwierig, ohne eine zentrale Firma im Hintergrund Business orientierte Entscheidungen zu treffen. Wie soll das Projekt beispielsweise eine Roadmap aufstellen, wenn die Software von freiwilligen Programmierern erstellt wird? Manche Menschen, mit denen ich gesprochen habe, fixen seit 10 und mehr Jahren Bugs aus den unterschiedlichsten Gründen. Manche sehen es als Entspannung nach einem harten Arbeitstag.
Bei einem Projekt wie WordPress werden Änderungen wie beispielsweise der Gutenberg Editor oder die API mehr oder weniger von Automattic beschlossen. Das geht bei Joomla nicht in dieser Form.

Jinfo: Für dich ist ja die Community ein entscheidender Punkt bei Joomla! Wieso ist Community so wichtig? Wenn doch das Produkt toll ist und ich bekomme, was ich brauche, brauche ich doch keine Community… Oder?

Ich sehe Joomla heute eher als soziales Software-Experiment. Wenn die Einstiegsschwelle niedrig ist, zieht das Projekt auch weiterhin interessierte und interessante Menschen an, die miteinander kommunizieren, Ideen austauschen, Projekte machen, Firmen gründen, Services anbieten, vielleicht programmieren lernen oder Projektmanagement. Dieser Austausch passiert weltweit, auch und gerade in Ländern, die Business mässig gar nicht erreichbar sind. Beispielweise kann ein Iraner mit einem US-Amerikaner oder Schweizer Gedanken austauschen und bei Joomla in einem Team zusammenarbeiten. Das ist gut und für alle lehrreich. Wenn dabei auch noch nützliche Software rauskommt, ist es noch besser.

Jinfo: An der Konferenz war auch die Rede von bezahlten Entwicklern und Projektmanagern. Wo siehst du mögliche Chancen und wo muss das Projekt aufpassen?

Das ist schwer zu sagen. Die Länder in denen Joomla benutzt wird, sind völlig unterschiedlich entwickelt. Was in einem Land, einer Kultur gerade angesagt ist, findet in einem anderen Land/Kultur überhaupt nicht statt. Wenn jemand für seine Arbeit bei Joomla bezahlt wird, werden sich andere fragen, warum sie nicht bezahlt werden. Ausserdem müsste das Projekt weitere Geldquellen erschliessen, um diese Leute zu bezahlen. Das ist schon sehr nahe an immerwährendem Wachstum und Business. Es wäre meines Erachtens ehrlicher, dann lieber eine Firma Joomla zu gründen, die das Joomla-Projekt dann aktiv managed.

Joomla 4

Jinfo: Alle warten gespannt auf Joomla! 4. Du selber hieltst dich in deinem letzten Blog-Post recht zurück? Glaubst du, sie kommt nochin diesem Jahr? Wo klemmt es?

Natürlich kommt Joomla 4! «It’s ready when it’s ready.» Das war schon immer so. Momentan klemmt es an Menschen, die die Software entwerfen, entwickeln und testen. Leute die ganz konkret etwas am und mit dem Code tun. Es gibt verhältnismässig wenige Software-Entwickler die am Joomla Core arbeiten. Wenn das Projekt mehr davon hätte, würde die Entwicklung dynamischer verlaufen. Die Frage ist eher, warum Joomla 4 erscheinen soll. Viele Agenturen, Extension Developer, Theme-Builder und Endanwender, mit denen ich gesprochen haben, sind eigentlich ganz glücklich mit Joomla 3.x. Zumindest nicht so unglücklich, dass sie an der Entwicklung von Joomla 4 konkret mithelfen. Das ist ja auch ok. Joomla ist, wie gesagt, ein Freiwilligenprojekt.

Jinfo: Wenn die 4 erschienen ist – Machst du wieder ein Joomla! 4 Buch? Oder gibt es eine Tour durch D-A-CH mit einem Joomla! 4 Follow-Up, Refresher Kurs?

Bisher habe ich nichts in dieser Richtung geplant. Ich mag gern mit Menschen gemeinsam etwas lernen. Vor mehr als 10 Jahren habe ich mal eine Roadshow durch Deutschland, die Schweiz und Österreich gemacht. Da bin ich mehrere Wochen von Stadt zu Stadt gefahren und habe “Tageskurse” gemacht mit dem Versprechen, dass am Ende des Tages jeder seine Website online hat und weiss, wie er sie bearbeiten kann. Die Leute kamen damals teilweise noch mit ihren Desktop Computer. So etwas würde ich gern mal weltweit machen, vielleicht in einem Joomlamobil 🙂
Die Joomla 4 Version ändert ja prinzipiell nicht viel. Es geht nach wie vor um das Veröffentlichen von Inhalten, unterschiedliche Benutzerrechte und ein schickes Design. Die Änderungen betreffen ja eher die Art und Weise, wie das nun genau gemacht wird. Also konkret beispielsweise: Nutze ich Joomla Headless, speichere meine Daten in der Datenbank und nutze das Joomla Backend oder nehme ich die “klassische” Frontend/Backend Kombi. Es gibt heute viel mehr strategische und individuelle Fragestellungen und natürlich auch hunderte von kommerziellen Alternativen zu Joomla. Was mir auch Spass machen würde, ist den Leuten zu zeigen, wie man etwas entwickelt, damit sie ihre Anforderungen selbst programmieren können, das objekt- orientierte System von Joomla verstehen und zumindest grob wissen, wie das geht und dann auf Augenhöhe mit Agenturen sprechen können. Verglichen mit der Situation vor 15 Jahren ist die Welt viel komplexer geworden. Joomla ist nach wie vor ein einfaches System, das keine grossen Anforderungen an das Hosting stellt. Es ist noch «verstehbar»!

Jinfo: Wo müsste man, aus deiner Sicht, den Fokus in den nächsten 3-6 Monaten im Joomla! Projekt legen?

Na, aus optischen Gründen wäre schon gut Joomla 4 zu launchen. Das wurde ja die letzten drei Jahre versprochen. 12 Alpha Versionen in drei Jahren sehen nicht besonders gut aus. Man kann ja eine 4.0 ohne die ganzen komplizierten Features bringen und dann nach und nach besser werden mit 4.1 und 4.x.

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Hagen über sein Engagement

Jinfo: Du hast mir gegenüber erwähnt, dass du dich wieder aktiver in der Joomla! Community beteiligen willst. Wie könnte so ein Engagement aussehen?

Ach ich weiss noch nicht so recht. Ich lerne gerade, wie Joomla heute ist. Vermutlich eine Rolle als Vermittler zwischen den Welten oder als Erklärbär. Sowas kann ich gut 🙂

Jinfo: Joomla! bietet bereits eine Zertifizierung für Admins an. Ein weitere Zertifizierung für Enduser ist in Planung. Du hast ja Erfahrung bei Kursen und Ausbilden von Nutzern. Wäre das nicht auch was für dich, sowas aktiv zu pushen oder selber anzubieten

Das finde ich gut, weil es ein Anreiz ist, sich etwas genauer mit Joomla zu beschäftigen. Es ist auch ein Weg um in Schulen, Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen Joomla Kurse anbieten zu können.

Jinfo: Was motiviert dich, wieder mehr Zeit in Joomla! zu investieren? Was sind deine Treiber?

Ganz konkret die Gespräche auf dem Zukunftsforum. Es gibt wenige Projekte, die nicht alles dem schnöden Mammon unterordnen. Wenn Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen miteinander reden kommt meistens etwas Gutes für die Welt dabei heraus. Das unterstütze ich gern.

Jinfo: Was sind deine Ziele für 2020

Ich renoviere seit mehr als 10 Jahren Häuser in Südfrankreich und will dieses Jahr zwei oder vielleicht sogar drei Projekte fertigstellen. Im Herbst möchte ich eine längere Reise machen.

Jinfo: Möchtest du zum Schluss meinen Lesern etwas mit auf den Weg geben

Joomla ist technisch gesehen ein gutes Produkt. Durch das fehlende professionelle Marketing wird das von vielen oft übersehen. Das Projekt bietet sehr viele Möglichkeiten der Mitarbeit und viele Agenturen und deren Kunden sind sehr glücklich mit Joomla.
Die joomla.de Site ist ein guter Start für Interessierte. Dort gibt es auch ein Verzeichnis der lokalen Joomla User Groups. Falls keine Gruppe in eurer Nähe ist, gibt es auch eine deutschsprachige Online User Group, die sich in einem System namens Glip das nächste Mal am 3. Februar 2020 von 20:00 bis 23:00 Uhr online trifft. Jeder kann dort teilnehmen, benötigt aber einen Account für das System. Das ist etwas holperig gelöst, denn einen Account gibt es nur per Einladung. Glücklicherweise darf ich Einladungen verschicken und lade euch hiermit ein. Schickt mir einfach eine E-Mail an hagen.graf@community.joomla.org. Ich werde am 03.02 dort auch das erste Mal sein.

Danke Hagen, dass du dir Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten. Ich wünsche dir für deine künftigen Joomla! und Nicht-Joomla! – Projekte alles Gute!

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